DER PRINZESSINNENFLÜSTERER

Foto © Werner Blessing

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Du bist meine Prinzessin, sagte er und strich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Dann verschwand er. Es war das vorletzte Mal, dass ich ihn sah. Eine Geschichte über den Märchenprinzen, der keiner war und die trotzdem mit «bis dass der Tod sie scheidet» endete. Wie trifft man den Märchenprinzen? Wie stellt man ihn sich überhaupt vor? Nehmen wir mal die klassische Variante. Ein unverschämt gut aussehender Bursche, gross, muskulös an den richtigen Stellen und souverän bis zur Schmerzgrenze galoppiert auf einem weissen Pferd daher, reicht einem wortlos den Arm zum Aufsitzen, hopp und happy ever after. Woher ich das weiss? Woher haben wir denn all unsere romantischen Vorstellungen? Davon, dass ein Kerl tatsächlich das Ziel unserer Wünsche sein soll? Dass ein Mann uns die Erfüllung aller Träume und Wünsche garantiert? Und vor allem, dass dieser Womanizer auf uns gewartet hat, uns ausgesucht hat und nur uns bis in alle Ewigkeit vergöttert? Na? Also ich aus Filmen, Büchern, Märchen. Aus den Anfängen der Werbung, der ich schon erliege, seit ich lesen kann und das war verdammt früh.

Mit Vierbeinern hat aber diese Märchenprinz-Geschichte trotzdem etwas zu tun. Es war in einem unbeleuchteten Hausflur, ich auf dem Weg zu meinem Nachtlager bei Freunden in einem Wohnhaus im fünften Stock mit Lift. Da es spät war, ich hundemüde und null Licht hatte, tastete ich mich voran, stolperte über meine eigene Tasche und knallte gegen die Wohnungstür neben dem Lift. Sofort schlug ein Hund an. Dem Gebell nach riesig, gefährlich, wütend. Ich hörte Schritte jenseits der Tür und im selben Moment, wo ich einen Satz nach hinten machte, ging die Tür auf, ich starrte auf den schönsten schwarzhaarigen Hund, den ich jemals in meinem Leben sehen sollte, daneben Cowboyboots unter Blue Jeans, eine kräftige Hand am Halsband des Hundes. Mein Blick arbeitete sich hoch und ich schaute in ein belustigtes Gesicht. Er tut nichts, sagte die sonore Stimme freundlich und ich bin mir bis heute nicht sicher, ob er den Hund oder sich meinte.

Er holte mir immer noch freundlich lächelnd den Lift, schob mich und meine Tasche da rein und Tschüss. In der Wohnung meiner Freunde sassen noch einige Leute, auch die, die dort offiziell immer wohnten. Ich stand wohl ziemlich unschlüssig im Tührrahmen, was ist passiert, fragten sie mich und ich sagte, im Erdgeschoss wohnt so ein Typ, mit einem Hund. Vielsagende Blicke kreuzten durch den Raum, das seien Bobo und Armin, erfuhr ich. Später, als ich ihn besser kennenlerne, wird er mir sagen, er verstehe gar nicht, wieso die Frauen alle und überhaupt. Er wird so tun, als ob ihn das gar nichts angeht. Er arbeitet in einem Business, in dem er tagtäglich mit wunderschönen Frauen konfrontiert wird, mit grossen und kleinen Stars, mit Models. Er hatte damals eine Beziehung, er hatte immer eine Beziehung. Und er hatte zwei Welten. Die eine in München, in der Stadt, die andere in Niederbayern auf dem Land. Und dort traf man den Märchenprinzen meistens mit einem schwarzen Pferd und nur manchmal mit einem weissen. Denn als ob die Aura, die Ausstrahlung nicht schon genug wären, kam er tatsächlich auf dem Pferd daher, er züchtete sie sogar.

Mein Eindruck vom ersten Moment war, dass er sich besser mit Tieren verstand als mit Menschen. Irgendwie war sein Respekt grösser vor vier Beinen. Und vor einem Geist, einem Geschöpf, mit dem er wortlos kommunizieren konnte. Ich habe noch nie so etwas erlebt, wie jemand nur mit leisen Bewegungen, mit sanften Gesten, mit höchster Konzentration mit Tieren auskommt. Ich bin allerdings auch mal Zeuge eines Kräftemessen, eines Machtkampfes der Giganten geworden, als er ein Pferd zuritt. Ohne Gewalt, mit unendlich viel Respekt, mit Ausdauer, Mut und Charakter. Als er von dem Gaul stieg, sah es aus, als ob beide grinsten, erschöpft, glücklich, das Pferd entspannt, er mit blutenden Beinen. Den Hype um seine Person, den hat er nie verstanden. Sie sollten mich mal auf dem Hof sehen, hat er immer gesagt. Eben, dann war es noch schlimmer, herrjeh. Irgendwann traf er eine, die ihn zähmte und doch an der langen Leine liess, der er sich zugehörig fühlte, aber nur in der einen Welt, der Welt mit den Vierbeinern. Sie teilte seine Leidenschaft, sorgte für Ordnung an der Basis. So zumindest der Eindruck von Aussen.

Ich habe nicht sehr viel Zeit mit ihm verbracht, er hat sich nie für mich sonderlich interessiert. Dachte ich. Er hielt mich immer eine Armlänge von sich weg, war aber kompromisslos da, wenn es Tränen zu trocknen gab, wenn es galt, mal mit der Faust auf den Tisch zu hauen oder wenn die Welt so unfassbar grotten ungerecht zu mir war. Irgendwann haben wir mal eine Nacht durchgequatscht, ich erfuhr, dass es die Hofdame nicht mehr gab. Ich lernte ihn das erste Mal wirklich kennen in dieser Nacht, verstand vieles, warum. Am nächsten Tag fuhr ich weiter zu einer Hochzeit von Freunden und mir wurde klar, dass ich dringendst mit meiner Vorstellung von Märchenprinzen gründlich würde aufräumen müssen. Ich verstand aber auch, dass man mir eines nie würde nehmen können: Die Begeisterung für unconditional love, bedingungslose Liebe. Ich hatte allerdings nicht gewusst, was sie für Facetten erreichen kann und sollte mich im Verlauf der nächsten Jahre auch noch höllisch wundern, welche Dämme da gebrochen (worden) waren. Alles, was es braucht, ist eine ehrliche Haut. Drum sagte er mir beim nächsten Besuch, den ich bei ihm machte auch, dass er sich verliebt hätte. Nochmal so richtig und dass er gar nicht so wirklich wüsste, was er davon halten sollte. Du bist das Beste, was einer Frau passieren kann, hab ich ihm gesagt, und dann kam die Sache mit der Prinzessin.

Einige Zeit später rufe ich ihn an, es ist sein Geburtstag. Er bedankt sich mit belegter Stimme. Was ist los, frage ich. Man hat mir 40 Prozent meiner Lunge entfernt, sagt er. Und es sei ja nicht so, dass er nicht wüsste, woher. Aber es sei eben trotzdem ein Scheiss. Jetzt, wo er doch noch Vater würde. Ich habe ihn an dem Tag zwar nicht gesehen, aber für mich brach eine Welt zusammen. Er hat sich nie etwas vorgemacht, das hatte ich in dieser einen durchquatschten Nacht gelernt. Und so war mir auch bei diesem Telefonat klar, dass ich mich würde von seiner Existenz verabschieden müssen. Ich habe ihn dann noch angetroffen, aber er war nicht mehr derselbe. Man sah ihm an, wie unendlich er litt. Der Tod hat uns geschieden, sein Spirit jedoch bleibt, my heart misses a beat jedes Mal, wenn ich einen Hund oder ein Pferd sehe.

Words: Dörte Welti

Foto: © Werner Blessing

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