DIE WALDFRAU – LE DON DE QÂ

Die Waldfrau scherzverlag.de

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Selten habe ich mir beim Lesen von Büchern grosse Gedanken gemacht, wie der Autor oder die Autorin wohl sein mögen. Manchmal, weil sie sowieso sehr nah schienen wie zum Beispiel Astrid Lindgren, klare Favoritin meiner Kinderzeit, oder weil man sicher war, es mit einem Pseudonym zu tun zu haben und die Bücher, die man las, als Fiktion wahrnahm. Manche Autoren wie Simmel erschienen auch überpräsent, bei Klassikern, die sich einem ins Hirn frassen, konnte man vergessen, den Autor zu treffen, weil längst gestorben (Salinger hätte man noch aufsuchen können, aber irgendwie schien der zu weit weg…).

Bis ich das Buch Die Waldfrau in die Hände bekam. Eine Empfehlung des Verlages damals, ich war auf der Mailinglist und bekam das Buch. Die deutsche Übersetzung eines französischen Werkes namens Le Don de Qâ. Nach wenigen Sätzen hatte mich der Autor dermassen in die Geschichte hineingezogen, dass ich sie in einem durchlas, 446 Seiten. Am Ende war ich fest entschlossen, den Autor kennenlernen zu müssen.

Die Waldfrau ist eine intensive sinnliche Reise. Die Geschichte handelt von einem Skeptiker, einem hoffnungslosen Künstler, Musiker um genau zu sein, und Träumer. Er wird Opfer eines Giftangriffs und nur ein Gegengift aus einem fernen Dschungel kann ihn retten. Der Protagonist reist dorthin und trifft auf ein Wesen, das ihn gleichzeitig abstösst und fasziniert. Eine beispiellose Entdeckung der Sinnlichkeit folgt, Entdeckung der Natur, der Kräfte, der
wahren Schönheit. Die Art und Weise, wie Jean-Marc Pasquet das alles beschrieben hat (ehrlicherweise muss man sagen, wie es Doris Heinemann übersetzt hat,

aber ich habe anschliessend auch das französische Original gelesen, ums zu wissen), ist gleichzeitig aufwühlend, schamlos, erotisch, aber eigentlich naturgegeben und grundehrlich. Den Mann, der Frauen und Gefühle so mitreissend erfassen kann, den wollte ich treffen.

Der Verlag stellte den Kontakt her, ein unbestreitbarer Vorteil, wenn man Journalistin ist. Wir verabredeten uns in Lausanne, in einem Bistro am See. Was ich erwartet habe? Ich war so aufgeregt wie schon lange nicht mehr in meinem Leben. Es gibt ein Foto von ihm auf der Umschlaginnenseite des Buches, drum erkannte ich ihn sofort, als er das Lokal betrat. Er setzte sich zu mir und war ehrlich erstaunt über das Interesse an seiner Person, so als ob er gar nicht realisierte, was er da geschrieben hat. Er erzählte von seinem Leben, geboren in der Schweiz und aufgewachsen auf der ganzen Welt als Sohn einer Franko-Russin, der Vater Haitianer. Von dort habe er auch den Draht zu Ritualen, Okkultismus würden wir es nennen, für ihn Teil seiner Wurzeln. Er war besorgt um seines Vater’s Land, die politischen Unruhen waren zu Gange, die Zukunft von Haiti unsicher, der Kontakt zu vielen Verwandten spärlich. Ich erlebte einen Mann, der hin und hergerissen war zwischen seinem Geburtsland, der sicheren Schweiz, und dem Wunsch, dem Land der Vorfahren zu helfen. Ich erfuhr auch, dass er nicht nur schrieb, sondern auch – wie sein Protagonist Boris – Musik macht, ein sehr eigener Stil. So wie mich sein Buch nach wenigen Sätzen gefesselt hatte, so fesselte er mich auch live, mit Worten, mit Blicken, mit Gesten. Der Verdacht liegt nahe, dass das Buch autobiografische Züge hat, er hat das nie bestätigt. Ich beneidete in a second die Frau unbekannterweise, mit der er seit Jahren glücklich verheiratet war/ist und mit der er Kinder hat.

Den Autor habe ich nie wieder gesehen, ich lese seine Posts auf facebook und höre ab und zu in seine Musikvideos rein. Ich habe auch sein Folgewerk gelesen, Libre toujours, das soweit ich weiss nie übersetzt wurde. In dem Buch geht es ausschliesslich um Haiti und die Zustände dort, Voodoo spielt eine Rolle, es ist super spannend und auch hier spielt er seine Fähigkeiten, sinnlich und unter die Haut gehend zu schreiben, voll aus. Jean-Marc Pasquet ist nicht Mainstream, man sollte sich trotzdem darauf einlassen. Eine Ode an die Natur, ein Flehen, die Umwelt zu respektieren, eine deutliche Ablehnung von allem, was die Erde zerstören könnte. Jean-Marc Pasquet handelt und lebt wahrscheinlich auch intuitiv, es sind Menschen wie er, denen wir viel mehr zuhören sollten.

Words: Dörte Welti

Buchcover: © Scherz Verlag

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