DAS MUTTI

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Aus gegebenem Anlass. Denn immer wieder ist irgendwo zu lesen, dass sich die Frauen noch wundern, nichts hat sich verändert. Vielleicht die Diskussion um den Körper an sich, wie so wunderbare Frauen wie Katrin Sorgenfrey (sie heisst wirklich so) es propagieren. Aber das Thema, was und wie frau sich verändert, wenn sie Kinder geboren hat, das Thema ist immer noch Gegenstand hitziger Diskussionen. Es hilft nicht, dass frau heute ihre Eier einfrieren kann, das verschiebt das Problem nur nach hinten. Es hilft auch nicht, dass Männer doch vermehrt Aufgaben zuhause übernehmen. Am Ende des Tages haben sie die Kids nicht geboren, ihr Körper ist nur normal gealtert (obwohl, Ihr Lieben: Ich sehe nicht wenige Kerls, die mit der Schwangerschaft ihrer Angebeteten mit ihrem Körper sehr nachlässig werden und gemütliche Bäuche bekommen. Die selben Männer fangen dann in den Wechseljahren an, zu trainieren und gehen wieder auf die Pirsch. Langzeitbeobachtung. Die Öffentlichkeit hackt immer nur auf den Frauenkörpern, vorzugsweise prominenter Herkunft rum, die sich nach Schwangerschaften verändern. Die dazu passenden Erzeuger werden ausgespart…). Drum, weil es immer noch stimmt, eine Geschichte, die vor vier Jahren im Mamablog erschien.

1988, lange bevor ich überhaupt mit dem Gedanken spielte, Kinder zu wollen geschweige denn zu haben, las ich in einer deutschen Frauenzeitschrift (brigitte) die Glosse mit obigem Titel der unvergleichlichen Journalistin Fee Zschocke. Ihr Sohn war gerade zwei Jahre auf der Welt und sie lies sich über die Metarmorphose aus, der Frauen, die gebären, offensichtlich unterliegen. «Mutti ist frau nicht von Geburt an, zum Mutti wird sie gemacht», stand da und ich schwor schon damals Stein und Bein, nie so ein Latzhosen tragendes, Spazierenstehendes, Rotznasenabwischendes Neutrum zu werden, dass trotz Abitur vor der intellektuellen Regression nicht gefeit ist und selig glühend «will Maxilein jetzt heiaheia bubu machen» sagt.

Guess what. Die Glosse hatte ich rausgerissen und aufbewahrt. Trotz aufrechten Bemühens und dem festen Willen, nicht der ebenfalls von Fee Zschokke herrlich drastisch beschriebenen optischen Verwandlung zu verfallen, wo Frau «ihr farbenfrohes Kleid ablegt, mit dem sie einst Vati zur Balz aufforderte», fand aber auch ich mich eines Tages in bequemen Jeans (Designermarke, aber das spielt dann auch keine Rolle mehr..), Turnschuhen und ewig mit Brei bekleckertem T-Shirt wieder. Ob das ausschlaggebend dafür war, dass der von mir auserwählte Mann meines Lebens und Vater meiner drei Kinder andere Frauen zur Balz aufforderte, sei dahin gestellt. Ein Deja vu allerdings hatte ich, als der von mir 1988 gelesene Satz, dass «Vati oft klaustrophobische Züge annimmt und ‚Hier-komm-ich-jetzt-nie-mehr-raus-das-geht-jetzt-zwanzig-Jahre-so-weiter’ stammelt» tatsächlich von meinem Dopplebuggy schiebenden zukünftigen Ex-Mann an mein von Babygeschrei abgehärtetes Ohr drang. Spätestens da hätte ich die Glosse nochmals Satz für Satz durcharbeiten sollen. Und feststellen können: Wir können Spitzen-Abi machen, die höchsten Weihen an Unis erlangen, mit oder ohne Stöckelschuhe in schwindelerregendem Tempo Karriere machen, den Männer rund um den Globus den Kopf verdrehen und sogar Reifen selber wechseln. An irgendeinem Tag zu irgendeiner Stunde, wenn nach 40 Wochen ein verschrumpeltes brüllendes Wesen unseren Körper verlässt und rückhaltlos unser ganzes Selbst fordert, sind wir Mutti.

Eine Illustration mit zwei Kids, von denen das eine sagt «Ich glaub, in ihrem früheren Leben war Mutti eine Frau..» krönte die Glosse (gezeichnet von einem Heiner H. Hoier). Das andere Kind staunt «Ehrlich?». Und ich sage ja, ehrlich. Und es liegt ganz allein an Mutti, dass die Frau in ihr nicht unter Windelbergen und in keimfreien Fläschchen verschwindet. Ein hartes Stück Arbeit, das vor allem in Solidarität mit anderen Frauen bewältigt werden sollte. Geht vor die Tür, Frauen, überlasst die Brut auch mal anderen, beide Seiten werdens überleben. Und wann genau hattet ihr den besten Sex eures Lebens? Sicher nicht, als die Wohnung pikobello geputzt, der Rehrücken zart auf dem Tisch und die Kinder sauber gebügelt und rotznasenfrei in Reih und Glied artig da standen, um dem von der Arbeit abgekämpften Vati ein freudiges «Wir haben Dich so vermisst» entgegen zu rufen. Nein, den besten Sex hatten wir, als wir völlig verschwitzt mit verlaufendem Make up nach durchtanzter Nacht auf ungemachte Betten/Sofas/Küchentische gefallen sind und uns nicht gefragt haben, wann wir das letzte Mal geduscht oder die Nägel lackiert oder uns rasiert haben.

Das Ganze ist natürlich Schall und Rauch, wenn Vati längst mit erprobtem Balz- und Imponiergehabe ein anderes Weibchen erlegt hat. Aber ihr könnt sicher sein – und das weiss ich und das wusste auch schon Fee Zschocke vor bald 30 Jahren: «An einem x-beliebigen Mittwoch, um 13.34 Uhr, ist es mal wieder soweit: ein zarter Schrei – und aus einer …«Frau» wird ein «Mutti»!

Words: Dörte Welti

Quelle: brigitte

Erschienen im Mamablog 2013

 

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