LOVE IS – WAS – IN THE ROOM

Brand Image Kiki De Montparnasse «Pearls»

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Es ist schon Herbst, als ich 2015 endlich eine Einladung des The Alpina Gstaad annehme. Ich kann mir so ein Luxushotel privat nicht leisten und mein Auftraggeber auch nicht, aber es ist zu verlockend, um Nein zu sagen, und spannend, über ein so aussergewöhnliches Objekt berichten zu können. Die Vorschusslorbeeren allerorten waren dann auch nicht übertrieben: Alles an dem The Alpina Gstaad erstaunt. Man sieht es zum Beispiel nicht von der Strasse. Lediglich ein dezentes Schild an einer Einfahrt im oberen Dorfteil, die genau so gut eine Zufahrt zu einem Privatchalet sein könnte, verrät die Lage des Anwesens. Durch eine mit Ringgenberger Kalkstein ausgeschlagene Galerie, vorbei an einem Wasserfall, fährt man auf die Hotelvorfahrt, ein Oberlicht lässt das Tageslicht hinein, man hat den Eindruck, in einer gigantischen luxuriösen Höhle angekommen zu sein. Der Managing Director Eric Favre taucht auf, kaum hat man der Rezeptionistin den Namen bekannt gegeben. Sein Büro liegt unsichtbar gleich neben dem Eingang, der Name des ankommenden Gastes wird ihm «zugetragen», so dass er denselben persönlich wie einen lang bekannten Besucher empfangen kann. Favre wird beim Auschecken auch wieder dort sein, er hat es sich zur Aufgabe gemacht, jeden Gast soweit wie möglich selbst willkommen zu heissen und zu verabschieden, Gesten, die in Erinnerung bleiben und sich bewähren. In kürzester Zeit – das The Alpina wurde am 1. Dezember 2012 offiziell unter Mithilfe von Seiner Hoheit Fürst Albert von Monaco eröffnet – konnte sich das The Alpina Gstaad eine beachtliche Stammkundschaft erarbeiten und Spitzenplätze in den Social Medias einheimsen. Der erste Eindruck in der Lobby, die sich über zwei Etagen erstreckt: riesig! Und eine gelungene Inszenierung dieses jetzt so angesagten modernen Chalet-Stils, der schnell langweilig werden könnte, wenn man ihn nicht irgendwie durchbricht. Im The Alpina Gstaad passiert das mit traditionellen Elementen, mit ausschliesslich aus der Region herbeigeschafften Materialien und einer erstaunlichen Vielfalt an zeitgenössischer Kunst. Einer der Besitzer des Hauses, Jean-Claude Mimran – der andere Eigentümer ist Marcel Bach – ist leidenschaftlicher Kunstsammler. In buntem Mix, der seit Juni 2015 vom Schweizer Künstler Pierre Keller kuratiert wird, hängt eine Gitarrenkunst von John Armleder in Sichtweite einer metallenen Adaption tierischer Hörner von Ann Carrington, Drucke vom Kollektiv General Idea, Mixed-Media von Matthew Lew, progressive Neonschriften von Tracey Emin und Objekte jedweder Art laden zum Stehenbleiben und Bestaunen ein. Eine Videoinstallation erzählt von den Anfängen, sie zeigt die Implosion des alten Alpina, das in seinem damaligen Zustand nicht mehr sanierungsfähig war und dem neuen Komplex weichen musste.

Das The Alpina Gstaad hat 56 Zimmer, davon 31 Suiten. Und allen ist derselbe Charme gemein: Gemütliche Ambiance trifft edlen Chalet-Stil, bei der Menge an Holz, die hier verarbeitet wurde, war die Einhaltung der feuerpolizeilichen Vorschriften eine Herausforderung der eigenen Art. In Sachen Interieur gibt es Ausnahmen in Form von Themensuiten im Haus. Eine ist der «Living Art Room». Leinwände und Malutensilien laden ein, sich selbst zu verwirklichen, es gibt eine Living Art Wall, an der man sich verewigen darf und man hat die Möglichkeit, die Utensilien und die Kunst käuflich zu erwerben, der Erlös fliesst in die Marie Louise Mimran Foundation.

Eine Erfahrung der besonderen Art aber war die Suite, die ich mir für das Testschlafen ausgesucht hatte: Die Love Suite. Schlafen? Nebensache. Die Suite wurde subtil und unaufdringlich mit vielen erotischen Dingen ausgestattet. Romantische Kunst, eine ansehnliche Kollektion Lovestories in Wort, Bild und Ton, die Möglichkeit, das Licht auf sehr subtile Art und Weise zu dimmen (die Lichtschalter sind mit «Before», «During» und «After» angeschrieben) und eine Vitrine, in der diverse Accessoires des erfolgreichen amerikanischen Luxusbrands Kiki De Montparnasse für intime Momente präsentiert wurden, man konnte hier das ein oder andere auch erstehen. Innovativ war die Kollektion Dessous im Kleiderschrank zur Ansicht, im Bettkasten lagen die verpackten Exemplare, man suchte sich einfach selbst die passenden Produkte heraus und liess sie auf die Rechnung setzen. Vertrauen ist hier alles, das Haus hat noch nicht erlebt, das Gäste «vergessen» haben, ihre ausgesuchte Ware zu bezahlen. Wer sich hier langweilte, alleine oder nicht, hatte selber Schuld. Eine spezielle Signalisation verhinderte ungebetene Störungen und der Zimmerservice war perfekt diskret, eine frisch zubereitete Penne Arrabiata für den Hunger zwischendurch brachte genau die richtige extra Portion Schärfe ins Spiel. Leider hat die Brand Kiki De Montparnasse ihre Geschäfte eingestellt und das Hotel diese Suite damit auch nicht mehr ausgestattet. Sehr sehr schade.

Noch mehr Sinnlichkeit kann man heute noch im Six Senses Spa erleben, das sich im Erdgeschoss des 5-Sterne-Hotels befindet, und für einmal stimmt die Bezeichnung «Erdgeschoss», denn es liegt komplett im aufgeschütteten Bereich, also unterirdisch. Holistische Behandlungsmethoden treffen auf asiatische Wellness-Traditionen und sind Erholung pur. Das anspruchsvolle Klientel kann es sich hier gutgehen lassen, von Gesichtsbehandlungs-Basics bis hin zu aufwändigen Colonic Cleansing- und Rejuvenation-Treatments ist das ganze Angebotsspektrum vorhanden. Der Indoorpool neben dem gut ausgestatteten Fitnessraum weist eine angenehme Bahnenlänge von 25 Metern auf, sehr selten in Hotels anzutreffen.

Und wenn man dann meint, alle Sinne schon verwöhnt zu haben, von den geistig anspruchsvollen über die sinnlich romantischen bis zu den sensitiven körperlichen, dann wartet noch die vortreffliche Küche der Restaurants auf den Gast. Traditionelle Schweizer Gaumenfreuen sind im Swiss Stübli auf dem Menu, das Restaurant Sommet wurde bereits mit einem Michelinstern ausgezeichnet, und im japanischen Restaurant Megu locken original japanische Spezialitäten. (Der Küchenchef über alles damals, Marcus G. Lindner, dekoriert mit 18 Gault Millau Punkten, hat diese Wirkungsstätte im Frühjahr 2017 verlassen, ich war nicht wieder dort seitdem.)

Direktor Favre steht wie gewohnt an der Rezeption und verabschiedet den Gast, eine Geste, die ein sehr persönliches Gefühl hinterlässt und einen Eindruck verstärkt, den man schon hatte, als man gleich bei der Ankunft wie selbstverständlich in die Tiefgarage gefahren ist zum Entsetzen des Portiers, der das doch liebend gerne für einen veranlasst hätte: Das neue The Alpina in Gstaad ist ein home away from home, vorausgesetzt, man kann und will sich das Haus leisten, das ganz ehrgeizig ein Ziel verfolgt, nämlich das beste Hotel der Schweiz zu werden. Mit Stand August 2017 ist es ihnen gelungen: Im Ranking der Zeitschrift Bilanz hat das The Alpina Gstaad die höchste Punktzahl erreicht und wird als das Beste Ferienhotel der Schweiz 2017 gelistet.

Words: Dörte Welti

Fotos: Dörte Welti; The Alpina Gstaad, Kiki De Montparnasse

Erste Version erschienen im L’OFFICIEL Schweiz im Februar 2016

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