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Singapore kenne ich nicht, ich war nur einmal auf dem Flughafen, ein Layover. Und irgendwie ist es auch völlig egal, die Geschichten von Amanda Lee Koe könnten genauso gut in London, Chicago, Rom, Sydney oder in Zürich spielen. Ministry of Moral Panic war das perfekte Sommerbuch für die kurzen Pausen am See, die ruhigen Minuten am Pool oder das Abtauchen an einem überfüllten Ostseestrand. 14 fesselnde zwischenmenschliche völlig normale Abstrusitäten, Neigungen, Gefühle, Abwege, Umwege, Tragödien, Leben eben.

Ich kenne die Singapurer Autorenszene gar nicht, und kann nicht einschätzen, wie toll oder unbedeutend es ist, dass das Buch mehrere lokale Awards gewonnen hat. Ich sehe auch erst jetzt, wo ich versuche herauszufinden, wie alt die Autorin ist, wie viel schon über sie gelobt und gehypt wurde. Sie ist 30 Jahre alt und offensichtlich sind das ihre ersten Geschichten. Woher sie auch immer die Erfahrungen nimmt: Mit 30 hat man das ein oder andere schon erlebt, es ist durchaus möglich, dass das Buch einige autobiografische Züge aufweist. Aber eben, nur Vermutung. Rattenscharf beobachtet sie auf jeden Fall, Kopfkino: Check! Und wenn man über Affairen, fehlgeleitete Mutterliebe und glasklare Fälle von Mitleid erregender Selbstüberschätzung liest, geschieht auf wundersame Weise eines: Man sympathisiert mit den Randfiguren, erkennt darin ein Stück von sich selbst. Und das ist tough, sehr tough. Ihr braucht es nicht zuzugeben, keine Sorge. Nur lesen, in sich hineinnicken und am Ende jeder Story aus der fiktiven Welt auftauchen und sich versichern, dass es ja bei einem selbst in den eigenen vier Wänden und im eigenen Freundeskreis auf gar keinen Fall auch nur annähernd ähnlich zugeht….

Ach ja, Zoë Beck hat das Buch ins Deutsche übersetzt. Ich habe es auf Englisch gelesen, ich denke, das ist die Originalsprache, aber auch die Deutsche Fassung wurde in höchsten Tönen gelobt. Whatever suits you best. Amanda Lee Koe ist eine begnadete Erzählerin, schreibt gelegentlich für den Esquire Singapore, hat diverse kreative Plattformen mit betreut und pendelt offensichtlich zwischen New York und Singapore. Möge es ihr gelingen, ihren Spirit beizubehalten und sich nicht von profanen Zwängen einkürzen und lektorieren zu lassen.

Words: Dörte Welti

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