DER GROSSE SERVICE

STILL STANDING AFTER ALL THESE YEARS

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Ein kritischer Blick in den Spiegel bestätigt: Yap, nötig. Eine freundliche Einladung in das Grand Resort Bad Ragaz kommt da gerade Recht, es geht darum, mal die Features des Hauses auszuprobieren. Und weil es in allen Abteilungen – bei mir – kracht und knarrt und rumpelt, nehme ich den Vorschlag auf, HaKi auszuprobieren.

Das angebotene Treatment ist mit 80 Minuten veranschlagt, ich gönne mir jedoch 36 Stunden in Graubünden, so eine Totalrevision will schliesslich celebriert werden. Ich beginne am frühen Morgen mit Warmschwingen auf der Driving Range des Golf Club Bad Ragaz. Es sind gefühlte 50, tatsächlich aber auch schon fünf Jahre her, dass ich einen Golfschläger in der Hand hatte. Ein einfühlsamer Pro, den ich mir vorsichtshalber dazu geholt habe, beobachtet mich mit einer Mischung aus Entsetzen und Wohlwollen – es ist noch Hoffnung. Am Ende der Stunde geben wenigstens ein paar Bälle nach, es gibt diesen satten Klack-Ton, wenn mein Schläger das weisse Runde trifft und ich muss mich nicht in Grund und Rasen schämen. Jeder Schwung aber hat kleine feine Kalkkristalle in meiner Schulter, in der Hüfte, in der Wirbelsäule bewegt und es rieselt so laut, dass ich fürchte, die durchgestylte Dame auf dem Nebengrün könnte sich in ihrer Konzentration gestört fühlen. Als Pro und Nebenschwingerin weg sind, beschwöre ich noch Bälle, bis mir der Arm abfällt und mir selber, nicht wieder so lange Zeit vergehen zu lassen…

Nach dem Golf ist vor dem Lunch, ich verstaue die Golfutensilien im Auto und erkunde die Anlage des Grand Resort. Es ist gerade Bad RagARTz, eine Skulpturenausstellung, die Gemeinde ist durchweg mutig mit dem, was sie da zulässt, dass es aufgestellt wird. Man müsste sich ein Bike mieten im Hotel, um in möglichst kurzer Zeit alle Skulpturen zu entdecken.

Der Lunch im «Glady’s», Restaurant des Golfclubs, ist leicht und lecker, die Atmosphäre in dem just eröffneten Neubau passt für mein Empfinden nicht zum altehrwürdigen Resort und dem Golfclubthema, irgendwie kühl und unnahbar. Das Resort als Ganzes befindet sich in einer Transition, man steht kurz vor dem Umbau des Quellenhofs, hat gerade den Spaturm errichtet, das Golfclubhaus erneuert, und sieht sich mit der Aufgabe konfrontiert, alle Elemente inklusive dem Casino und Schloss Wartenstein auf dem Berg unter einen Hut zu bringen und trotzdem deren jeweilige Eigenständigkeit zu sichern.

Meine Suite für die Nacht befindet sich im Spaturm, in den man nur mit separater Karte kommt, er liegt direkt neben der Tamina Therme. Mein Refugium ist ungefähr so geräumig wie meine Wohnung, das Badezimmer riesig mit eigener Sauna und Dampfbad, keine Chance, alles in der kurzen Zeit auszuprobieren und zu geniessen. Sowieso: Harald wartet. HaKi, das ist eine Methode, die Harald Kitz entwickelt hat, ein sympathischer Musiker und Therapeut, der davon erzählt, wie ihn das Aufwachsen in der Natur geprägt hat. HaKi steht auch für Haptik und Kinetik, seine Methode hat ganz viel mit Loslassen, Schwingungen, Berührungen, Vertrauen zutun. Aus den verschiedenen Optionen wähle ich haki®Purna aus, eine Ganzkörperbehandlung. Vorher bittet Harald – man duzt sich sofort – zum Gespräch, um mich ein wenig kennenzulernen und um seine Beweggründe zu erklären, warum er wie auf die Methode gekommen ist. Um es kurz zu machen: Harald Kitz schlägt voll in die Kerbe der Sehnsüchte der heutigen Gestressten, die nach Auswegen suchen und wieder sich selbst spüren wollen, ohne von Klippen segeln oder am Bungeeseil jumpen zu müssen. Die Urkraft soll geweckt werden, die Intuition, auf sich und den Körper zu hören. Gepaart mit uraltem Wissen, was er sich von den Grosseltern bewahrt und auf seinem Weg zum Therapeuten angeeignet hat, arbeitet Harald hands on. Also rauf auf die Liege. Kann jemand noch was mit dem Begriff Durchwalken anfangen? So in etwa fühlt sich das an, was der Harald mit mir anstellt. Es beginnt ganz vorsichtig und steigert sich dann in ein Crescendo, in dem ich das Gefühl habe, mehrfach um mich selbst gedreht zu werden. Widerstand zwecklos, Haralds Griffe finden jeden Knotenpunkt und wirken ihn erbarmungslos frei. Irgendwann ergebe ich mich dermassen in mein HaKi-Schicksal, dass ich einschlafe. Und als ich leise freundlich bestimmt geweckt werde, bin ich mit der Liege verwachsen, möchte ewig so versunken bleiben.

Nicht mit Harald, der muss weiter, er ist immer nur wenige Tage in einem der vielen Locations, die seine Methode exklusiv anbieten (Stanglwirt zum Beispiel) und wenn er vor Ort ist, will jeder nur von ihm berührt werden und nicht von einem der über 400 Therapeutinnen und Therapeuten, die er inzwischen auf seine Methode ausgebildet hat. Benommen raffe ich also meine Sachen und finde irgendwie den Weg in die Suite auf meinen Balkon mit Aussicht auf den Berg, es ist warm, ein Stündchen auf der Seite müsste jetzt drinliegen. Mein Welcome-Sujet (Foto) allerdings auf dem Zimmer ist so einzigartig, dass ich mich gar nicht davon losreissen kann, selten habe ich eine so kreative und hingebungsvolle Aufmerksamkeit gesehen, Chapeau!

Ich könnte jetzt noch einen Saunaaufguss von einem der besten Saunaaufgiesser der Welt – es gibt tatsächlich Meisterschaften, lasse ich mir erklären – geniessen, dann aber würde ich glaube ich vollends ausfallen für den Rest des Abends und der sieht noch die ein oder andere offizielle Mission vor.

Spät abends dann schaue ich von meinem Zimmer zum Berg und sehe einen Leuchtturm blinken, nein, ich habe nicht zu viel Wein oder Gin Tonic intus, der Leuchtturm ist Teil der Skulpturenausstellung. Und ohne die Matratzeneinstellspielereien am Bett zu betätigen, falle ich wie ein Flusskiesel drauf und schlafe sofort ein.

Der nächste Morgen ist busy, ich finde mich erst zum Aqua Fit ein und anschliessend zum Thera Fit Gruppenworkout. Vor dem Frühstück – das bin ich eigentlich gewohnt, wenn Sport, dann gerne bevor der Magen gefüllt ist. Aber heute fühle ich mich einerseits leicht, andererseits schwindelig. Wieder ist nicht etwa das Glas Wein schuld. Ich tippe eher darauf, dass Harald mir so viele Blockaden frei gerubbelt hat, dass ich förmlich schwebe und sich mein Körper erst mal wieder an diesen für ihn vergessenen Zustand gewöhnen muss. Schultern und Nacken, sonst eher verkrampft und selten gelassen, sind locker, das ist lange her, dass sich das so angefühlt hat! Etwas Kneipen zwischen den Sporteinheiten bringt den verträumten Kreislauf auch wieder in Schwung und das Frühstück vom unfassbar bunten Buffet schmeckt dreimal so gut.

Ein paar bearbeitete Mails später und nach dem Lunch sackt die Entspannung vollends und als ich vom Hof fahre, habe ich das Gefühl, nicht nur eine Nacht sondern eine Woche hier verbracht zu haben. Meine Schwiegermutter selig hatte mir als eine der ersten Weisheiten für das geordnete Leben in der eleganten Welt der Zürcher nahe gelegt, es ihr gleich zu tun und nach mehrwöchigem Winteraufenthalt in den Bergen doch in Bad Ragaz für mindestens drei Wochen zwischenzulanden, bevor man hinab in die Stadt nach Zürich geht für den Frühling. Als sie das praktizierte, gab es sicher noch keinen HaKi mitsamt dem Erfinder. Aber ich bin sicher, jede Zeit hat und hatte ihren Guru und das ist gut so.

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