WHAT’S COOKIN`, BILLY?

Mit Homer in Arizona

Scroll this

Das erste, was mich an Werner J. Egli faszinierte, war seine Stimme. Wir waren vor einer Primarschule verabredet, ich hatte ihn eingeladen, unseren Kids aus einem seiner Bücher vorzulesen. Damals noch aus einem ganz ordinären klischeehaften Grund: Der Schweizer gilt als einer der erfolgreichsten Jugendbuchautoren, hat über 70 Bücher geschrieben, für meine Kids sollte nur das Beste gut genug sein. Von seinen Büchern hatte ich gehört, ein Verlag machte mich auf sie aufmerksam, ich fand die Idee einer Autorenlesung für die Kinder highly sophisticated.

Als Journalistin ist man auf einiges gefasst, stellt sich meist unvoreingenommen neuen Menschen gegenüber (so zumindest die Theorie) und hat höchstens aus vorgängigen Recherchen eine Basismeinung. Was das Kennenlernen Werner Eglis jedoch für einen Impact auf mein Leben haben sollte, das liess die tiefe sonore Stimme nur ahnen. Er gibt Dir seine grosse kräftige Hand, sagt amerikanisch eingefärbt «hello!» und Dein ganzer Körper vibriert. Du spürst Lebendigkeit, jemand, der sich in diesem Moment zu Hundert Prozent nur Dir widmet und Dich aufmerksam anschaut unter buschigen Augenbrauen und mit erwartungsvollem Grinsen. Präsenz würde man das nennen, man kann davon ausgehen, dass man genau jetzt seine ungeteilte Aufmerksamkeit bekommt.

Die Lesung war der Hammer. In kürzester Zeit hing ich genau so fasziniert an seinen Lippen wie die Kinder. Werner las aus «Heul doch den Mond an», eine autobiografische Story. Es war weniger die Tatsache, dass er mit einem VW-Bus zweieinhalb Jahre lang hippiemässig zwischen Alaska und Guatemala unterwegs war und seine Abenteuer packend beschreiben konnte. Es war mehr das Kopfkino, das er entzündete, wenn er von «der Paula» sprach, der Frau, die mit ihm unterwegs war. Wenn er von dem Halbwolf Dusty erzählte, den sie dabei hatten. Oder wenn er den Zuhörer an seinen Kämpfen mit sich selbst teilhaben liess. Schuld war wieder diese Stimme, die eigentlich filmreif ist und die dazu führt, dass man seine vorgelesenen Storys dreidimensional erlebt. Ich hab gerade ein Interview mit einer Jung-Verlegerin geführt, die aus genau den Gründen an das Buch glaubt; weil ein Buch, wenn es richtig gut geschrieben ist, den Leser in eine völlig andere Welt mitnimmt, einen mitreisst und Phantasiewelten aufleben lässt, die nur einem selbst gehören. Authentisch bis in die Haarspitzen, vorgelesen oder selbst gelesen.

In der Folge habe ich viele Bücher von Egli verschlungen, das Buch «Without a horse» ist zum Heulen schrecklich schön. Er überschreitet in dem Buch ganz klar die Grenze vom Jugendbuch zum Erwachsenenroman, zentrale Figur ist eine junge Frau, die den Folterer ihres Bruders aufsucht. Wer sich einmal so richtig moralisch durchschütteln lassen will und am Ende des Tages zugeben kann, einer schaurigen Faszination erlegen zu sein, dem sei dies Werk ans Herz gelegt.

Über die Jahre habe ich mehrfach über seine Bücher und seine anderen Aktivitäten geschrieben, Werner Egli betrieb eine Weile lang mit einem Truckerfreund in seinem heissgeliebten Arizona ein ungewöhnliches Reiseunternehmen. Bei Truckride Amerika konnte man auf luxuriös ausgestatteten Trucks echte Touren mitfahren. Eine super Idee, die nur an menschlichen Dingen scheiterte. Ich habe ihn immer kompromisslos erlebt, was ihm nicht taugt, umschifft er, räumt es aus dem Weg, oder ignoriert es, die Höchststrafe eigentlich. Dummheit ist ihm ein Greuel, Inkompetenz und Anmassung sind Todsünden. Er durchschaut, wer es ehrlich mit ihm meint und wer nicht. Wählt seine Freunde mit Bedacht, Harry Rowohlt war einer der Glücklichen. Weil ihm die heutige Verlagswelt Kopfschmerzen bereitet, hat Werner J. Egli seinen eigenen Verlag gegründet. Mit Erfolg.

Unzählige Western hat er in seiner Anfangszeit als Schriftsteller verfasst, sie finanzierten seine Trips mit der Paula und andere Lebensumstände. Er hat sie unter Pseudonym geschrieben und wenn ich R.S. Field oder Robert Ullman nenne, werden vielleicht viele aufhorchen. Oder Jefferson Parker, Lee Roy Jordan, Glenn Patton. Alles er.

Kollegen aus dem Fachbereich Western ziehen ihren Stetson vor diesem Mann, keiner schreibt so authentisch wie Egli über diese Zeitepoche. Er romantisiert nichts, eher lanciert er ungewöhnliche Protagonisten wie den Kopfgeldjäger T. T. Chesterfield, der mit seinem Baby unterwegs ist und Windeln wechseln können muss. Dagegen ist Brokeback Mountain ausgemachter Kitsch (obwohl ich den Film sehr sehr gerne mag). Die Leibhaftigkeit kommt nicht von ungefähr, Werner Egli hat auch ein Zuhause in Tucson, hat mit Cowboys gelebt, selber Pferde und Rinder gehabt, echte Freunde unter den Indianern und die wahre Historie gelernt. Sein Verlag heisst Aravaipa, wie ein Canyon in Arizona, wo sonst. Ein Zufluchtsort mit Geschichte, 1871 während der Indianerkriege wurde dort ein Dorf von weissen Geschäftsleuten überfallen. Und es gibt auch wieder Western, La Vengadora – Die Rächerin schliesst an die berühmte Delgado-Reihe an. Momentaner Star des eigenen Verlages und Ergebnis von Knochenarbeit ist die Herausgabe seines Werkes Tunnel Kids für den amerikanischen Markt. Eglis Bücher wurden schon in 17 Sprachen übersetzt, aber noch nie ins Englische.

Was hat das alles mit mir zu tun? Er ist ein Freund geworden. Oder geblieben vom ersten Handschlag an. Einer der facettenreichsten Menschen, die ich kenne, es gibt auch den Fussballtrainer Werner, der in Tucson jahrelang äusserst erfolgreich die Mädchenfussballmanschaft trainiert hat, sie rufen ihn bis heute Billy, facebook sei Dank kann man das jeweils live lesen (zum Beispiel von seiner damaligen Torhüterin Erin, die heute die Frau des Sportdirektors des Londonder Fussballclubs Chelsea, Michael Emenalo, ein ehemaliger Nationalspieler aus Nigeria, ist, das Paar zählt zu Eglis engsten Freunden). Er ist junger Vater und alter Vater, die zweite Runde nach zwei Töchtern, die fast so alt sind wie ich, läutete er mit 58 ein, heute sinds zwei Teenager. Kinder sind wie Blumen, sagt er, wenn man es richtig mache, blühen sie. Well said, Billy Chesterfield Delgado Egli.

www.aravaipa.ch

Words: Dörte Welti

Storys über Werner J. Egli erschienen bereits im swisstalk der freundin (Buchvorstellungen, 2008, 2009 und 2012), Trucker TIR und 50plus.

 

 

Submit a comment