Schöne teure Autos von (meist) ebenso schönen reichen Menschen treffen noch mehr Luxusliebhaber und drehen sich ein langes Wochenende um sich selbst. Mitte Mai ist es wieder soweit, am Comer See, bella Italia. Sind solche Veranstaltungen, Concorso d’Eleganza oder Concours d’Elegance genannt, noch zeitgemäss?
Location: Villa d’Este, Ende Mai 2025, es läuft der Concorso d’Eleganza. Die schönen Autos sind meist alt, die reichen Menschen auch. Sie können es sich leisten, ein Wochenende in einem überteuerten Luxushotel zu verbringen, ihre Gebrauchtwagen von teils edler Herkunft und in meist tadellosem Zustand auch von ganz weit her für extrem hohe Transportkosten hierher an den Comersee zu verfrachten. Der Antrieb ist immer der gleiche: Es gilt, die Trophäe für das schönste Auto verliehen zu bekommen. «Wer hier als Star of the Show gekürt wird, steigert damit den Wert seines Autos», verrät Donald Ghareeb aus den USA. Er ist zum ersten Mal an dieser Veranstaltung, hat aus seiner Autosammlung einen 1929er Duesenberg J eingeflogen (kostet: $ 50 000 aller-retour) und sonnt sich in der Bewunderung der Flaniergäste, die wohlwollend nickend an seinem Unikat vorbeischlendern. Nicht, dass er eine Wertsteigerung nötig hätte oder das Saloon Car verkaufen wollen würde. Mr. Ghareeb hat ausgesorgt, er hat 1989 als Co-Founder mit Dick Reese die Fastfood-Kette Taco Bell gegründet. Aber so ein Pokal, der würde sich zuhause in Alabama doch noch ziemlich gut machen, betont er und streicht zärtlich über die Stoffverkleidung des Oldtimers, der zu Zeiten seiner Produktion mit 184 km/h Leistung aus seinem 7 Liter/265 PS-Motor zu den schnellsten Automobilen gehörte.

Es lohnt sich
«Don» reiste mit einer «Mention of Honor» zurück nach Alabama. Das ist nicht der Sieg, auch nicht in der Klasse, in der er sein Auto listen durfte – es gibt deren acht am Concorso d’Eleganza –, aber immerhin, es hat sich gelohnt, findet der Multimillionär. At least, he has a story to tell. Und war von Menschen umgeben, die auf seiner Wellenlänge sind. Ein überschaubarer Kreis von geschätzt 600 Gästen an der Villa d’Este – sie bietet 152 pumpevoll belegte Zimmer, dazu ein Heer von Journalisten aus aller Welt, Tagesgäste, die pro Kopf € 595 (ohne Verpflegung) an diesem Samstag für einen Blick auf die 54 gemeldeten Autos werfen durften – und unzählige Helfer, Mechaniker, Bedienstete, Logistiker. Es gibt viele solcher Veranstaltungen, die das schönste Auto küren, man kann das ganze Jahr um die halbe Welt reisen und sich präsentieren. Concours d’Elegance, wie die hochkarätigsten heissen, gibt es in Pebble Beach, FL (im August), am Château de Coppet (Ende Juni) und in St. Moritz in der Schweiz (Februar), am Hampton Court Palace (im September), am Tegernsee in Deutschland (Juli), man plant einen in Singapore (diesen Juli) und es gab schon Ausgaben in Japan, um nur ein paar wenige zu nennen.

Man mag sich fragen, worin der Sinn besteht, schöne Autos über einen roten Teppich fahren zu lassen, vorbei an einer (Fach-)Jury, die nach vorgegebenen Kriterien den Sieger der Show kürt. Die Antwort ist nicht so einfach. Die BMW Group, Autohersteller aus München, hat 1999 die Schirmherrschaft über die Veranstaltung übernommen und ist seit 2005 mit der BMW Group Classic hälftig selbst der Veranstalter, die andere Hälfte stemmt die Villa d’Este. BMW macht das nicht nur aus purer Freude am Sujet, sie nutzen die Tage mehr und mehr als Marketingplattform. Dergestalt, dass man sich fragt, ob man auf einer BMW Show – es werden Prototypen und neue Modelle in grossem Stil präsentiert – mit extrem teuren Nebendarstellern gelandet ist. BMW lässt wissen, dass man hier zwischen Dinos, einem Iso Rivolta Grifo, einigen alten Alfas, Vorkriegs-Mercedes-Benz, jede Menge Ferraris, Bentleys, Siata (Geheimtipp!) und Bizzarini seine Kundschaft findet. Die Menschen, die hier mit ihren Traumautos posieren, würden auch BMWs kaufen. Ein weiteres Argument war, dass ja die klassischen Autosalons fehlen würden, sowas wie der Auto Salon Genf zum Beispiel, wo man neue Modelle präsentieren könnte. Also ist das Wochenende am Lago di Como auch eine kleine Automesse mit halt nur einem Aussteller, weil man zwar die neuen BMWs, aber die 54 Modelle vom Catwalk nicht kaufen kann. Zumindest nicht innert Jahresfrist, das verbietet das Reglement.

Luxus für alle sicht- und greifbar
Ob die Autobesitzer auf Auktionen in ein paar Jahren spekulieren, gibt hier keiner zu, das wäre ein zu banaler Grund, sein Auto hier zu zeigen. Vielmehr haben sie durchaus ein Herz für die, die sich solche Schätze nicht leisten können und wollen auch einer breiten Öffentlichkeit den direkten Zugang zur Welt der klassischen Automobile gönnen. Das geschieht dann jeweils am Tag nach dem Schaulaufen, wenn die Autos durch das enge Cernobbio rollen bis zur benachbarten Villa Erba, dort auf einer grossen Wiese parken und von öffentlichem Publikum für einen kleinen Eintritt bestaunt werden können. Ein Angebot, das geschätzt wird; nicht nur ist die kurze Strecke mit Tausenden Schaulustigen gesäumt, auch die Kapazität der Villa Erba wurde voll ausgeschöpft, die Tickets für den Eintritt waren ausverkauft.

Meilenstein Auto
Concorsos sind vielleicht auch Brot und Spiele in einer Zeit, wo die Menschen von grausamen Nachrichten tagtäglich erfahren. Auf dem Concorso kann man dem für eine Weile entfliehen und so tun, als gäbe es nur dolce vita. Aber wer hier den moralischen Finger hebt, ist eh am falschen Ort, vernünftig ist einzig und allein die Tatsache, dass es nachhaltig ist, alte Autos so lange wie möglich am Leben zu erhalten. Autos haben unsere Welt verändert, sinniert Gabriele von Oppenheim, die einzige weibliche Jurorin im Feld der elf Juroren plus dem Chairman of the Jury, eine zweite Dame musste wegen Krankheit absagen. Gabriele von Oppenheim treibt ein Gedanke um: «Das Auto hat die Welt mehr verändert als irgendwas anderes. Die Erfahrbarkeit Europas ist ein Meilenstein in der Geschichte der Menschheit.» Sie plädiert darum dafür, eine Kampagne zu starten, um das Auto als UNESCO Kulturerbe anerkennen zu lassen. Es brauche auch Schönheit, verteidigt die Sammlerin von Classic Cars und passionierte Rennfahrerin ihr Metier.

Dasselbe hat auch schon Urs Ramseier gesagt. Der Schweizer hat in Safenwill das Swiss Car Register aufgebaut, ein Archiv für die Geschichte der Automobilität in der Schweiz. Er war es, der 1995 mit dem italienischen Autoenthusiasten und Autor vieler Fachbücher zum Thema klassische Autos, Angelo Tito Anselmi, den ersten Concorso d’Eleganza Villa d’Este der Moderne organisierte, nachdem die Veranstaltung, die 1929 erstmals stattfand, mehrere Jahre in einem Dornröschenschlaf verweilt hatte. Gemeinsam hatten sie ihre Adressbücher durchforstet und ihrem Netzwerk gesagt, «bringt uns eure schönsten Autos». Der Concorso wuchs von Jahr zu Jahr, bald galt es als Ritterschlag in der Branche, sein Auto dort präsentieren zu dürfen. 2010 war Ramseier zum letzten Mal «Selecting Advisor», heuer ist er zum ersten Mal seitdem wieder vor Ort. Und tut sich schwer mit der Marketingplattform, zu der der Concorso geworden ist. Trotzdem hält er solche Events in welcher Form auch immer für wichtig: «Vergleichendes zu sehen, ist für die Eleganz wichtig».

Spielplatz der Eitelkeiten
Fassen wir zusammen: Die Tradition solche Aufmärsche von superteuren Designerleistungen durchzuführen, sie zu prämieren, ihnen Ruhm und Ehre anzuheften, kann man als historische Verantwortung sehen, die Geschichte des Automobils sichtbar zu machen. Einem exklusiven, wie einem breiten Publikum. Sicher ist ein Concorso Spielplatz von Eitelkeiten einer elitären Gruppe, befeuert auch von immer mehr Auktionen, an denen historische Autos gerne auch mal zweistellige Millionenbeträge einbringen. Ein Segment für sich, dass unzählige Arbeitsplätze sichert und noch viel mehr Menschen aller Altersgruppen auf der Welt Freude macht. Das Auto ist Kultur, das kann nicht weg. Auch wenn man sich jetzt noch nicht vorstellen kann, dass das auch für die neuen Chläpf gilt; sogar Elektroautos der 2020er-Jahre werden in 30 Jahren ebenfalls zur Kategorie Oldtimer zählen.
Wir fuhren auf Einladung von BMW Group Schweiz an die Veranstaltung.

